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aus Heft 48/2017 Essen & Trinken

Fett hoch zwei

Von Max Fellmann  Foto: Michael Schinharl

Die Los Angeles Times nannte frittierte Butter das »schlimmste vorstellbare Gericht auf diesem Planeten«. Stimmt das? Unser Autor hat es ausprobiert.

Ernährungsberater wissen: Das Gesündeste auf diesem Foto ist der Teller.

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Frittierte Butter. Fett in Fett. Fett hoch zwei. Fettfett. Echt jetzt? Doch, die Amerikaner naschen das allen Ernstes: schönes großes Stück Butter, Teig oder Panade drum, in siedendes Öl tauchen, runter damit. Puh. Also gut, probieren wir es. Wir treffen uns an einem milden Herbsttag: eine Köchin, ein Fotograf und ich, der Testesser. Wir wollen Butter frittieren und bei der Gelegenheit noch verschiedene kalorienlastige Süßigkeiten, mit denen es die Amerikaner auch gern versuchen. Was Verfettung angeht, sind die bekanntlich erfinderisch. Auch frittierte Schokoriegel, Bonbons und Zuckerwürfel haben es in den USA zum Klassiker gebracht.

Bevor ich zum Treffen aufbreche, begehe ich den ersten Anfängerfehler: Ich esse etwas. Ausgerechnet ein Butterbrot. Ja, ich weiß. Ungut gesättigt komme ich in der Versuchsküche an. Ein Berg Süßigkeiten steht bereit, die Butterstücke haben wir schon über Nacht eingefroren, sonst würden sie im heißen Öl sofort zerfließen. In der Fritteuse schaukeln vier Liter Sonnenblumenöl. Der Anblick hat etwas Beunruhigendes. Zur Ablenkung genehmige ich mir ein Milky Way und einen Schokokuss.

Der Erste, der auf die Idee kam, Butter zu frittieren, war angeblich ein Mann namens Abel Gonzalez, der damit 2009 auf einem texanischen Volksfest ein fettes Geschäft machte. Wir wollen eine Variante mit Zucker und Zimt probieren. Gonzalez hatte auch Knoblauchbutter im Angebot, das ist uns zu hart, wir versuchen es noch mit Chili-Butter. Mein größtes Problem sind allerdings die Süßigkeiten. Bis das Öl endlich siedet, nasche ich einen weiteren Schokokuss, einen Mars-Riegel und zwei Stück Kinderschokolade. Ich weiß nicht, ob ich für diesen Test der Richtige bin. Stöhn.

Die Butterschlacht gehen wir mit zwei Panaden an. Erstens klassisch Mehl und Ei, zweitens eine Panko-Panade. Das japanische Panko-Mehl erweist sich als besser, weil gröber und körniger. Wir wenden die vorbereiteten Butterwürfel darin, erst mal die mit Chili. Ich esse nebenher ein Snickers. Dem Fotografen wird schon vom Zusehen blümerant, er versucht, sich auf seine Kamera zu konzentrieren. Die Köchin ist Profi und weiß: Beim Kochen so wenig wie möglich vorkosten. Ich dagegen bin blöd genug, mir noch ein Stück Kinderschokolade zu nehmen.

Ich habe ein wenig Angst, aber hilft nichts, jetzt geht’s los: Wir versenken 125 Gramm Butter mit kleinen Chilistückchen und dicker Panade. Das Öl sprudelt wie verrückt. Fett in Fett. Das Kalorien-Armageddon. Sofort wird alles bräunlich, eine unglaubliche Sauerei. Dann der erste Bissen: Uff. Massiv wie der Mount Everest. Fett Everest. Wie auch immer, bin zu voll für Witze. Kann mich nicht entscheiden, was aggressiver ist: die Schärfe des Chili oder die pure, schwere Wucht der Butter. Ich fühle mich, als hätte mich jemand verprügelt.

Um den Chiligeschmack aus dem Mund zu kriegen, werfe ich diskret einen Schokokuss ein. Fehler Nummer 12? 13? Jetzt rein ins Öl mit der ersten Zucker-Zimt-Butter. Sie trieft und dampft, ein Bissen – und Überraschung: Das Ergebnis schmeckt wie die wunderbarste Vorweihnachtsleckerei der Welt. Kein Witz. Sagenhaft süß, unfassbar schwer. Die Panade ist heiß und knackig, an den Seiten läuft das heiße Fett raus, aber ganz in der Mitte ist die Butter noch etwas kalt. Ich wünschte, ich hätte bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nichts gegessen. Wäre mir nicht schon schlecht, diese Butter wäre einfach himmlisch. So aber komme ich ins Schnaufen. Der Fotograf probiert ein wenig, dann hält er sich beklommen an seinem Fotoapparat fest. Die Köchin nascht, dann lächelt sie unsicher. Ich versuche noch ein paar Stücke. Lecker. Ächz.

Die Los Angeles Times nannte frittierte Butter das »schlimmste vorstellbare Gericht auf diesem Planeten«. Nach dem fünften Bissen ist mir so schlecht, dass ich kaum mehr geradeaus denken kann. Dabei wollen wir ja noch die Süßigkeiten frittieren. Und ich muss sie alle probieren. Also: Mit den Bonbons funktioniert es nicht so gut, die bleiben hart. Die Schokoküsse steigen ständig an die Oberfläche, der Eischnee wird zu Flocken, die davonschwimmen, die dünne Schokolade verbrennt und schmeckt grausig. Milchschnitte geht auch nicht, da verläuft die weiße Creme. Bei Kinderschokolade dagegen ist die Füllung fest genug, sie wird cremig. Am besten geht das Frittieren mit Snickers: Die ergeben einen fulminanten Brei. Ich esse, Plan ist Plan, einen ganzen Riegel. Die Erdnüsse darin machen mich endgültig fertig. Danach beginne ich zu wanken. Ich komme mir vor, als hätte mich jemand von innen mit Butter und Schokolade tapeziert. Rund um die Fritteuse ein Schlachtfeld: Schokoreste, Butterstücke, Mehlstaub, Eierschalen, Bonbons, Snickers, Zucker, Zimt, oh Gott.

Aber eins hatten wir noch nicht: Butter pur. Muss ich probieren. Die Köchin ist entsetzt, der Fotograf wendet sich ab. Ich tunke 125 Gramm reine Butter in die Panade, dann in die Fritteuse. Nach einer Minute habe ich einen riesigen braunen Batzen vor mir. Faustgroß? Handballgroß? Ich beginne zu halluzinieren. Überall Öl. Butter. Es schmeckt nach … Ich weiß nicht. Fett. Alles ist nur noch Fett. Fettfettfett. Öl läuft mir übers Hemd. Der Fotograf geht raus. Die Köchin sieht mich erschrocken an. Ich bin das Buttermonster. Hilfe! Kann. Mich. Nicht. Mehr. Beweg
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Max Fellmann

dankt der Köchin Adele Steinbeis und dem Fotografen Michael Schinharl für ihren Beistand. Er hat sich nach einer Woche Schonkost etwas erholt und glaubt, dass er mit ein bisschen Abstand das vorliegende SZ-Magazin beschwerdefrei durchblättern kann. Vielleicht so im Jahr 2019?

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