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aus Heft 09/2012 Deutschland

Wie sagen wir es unseren Nachfahren?

Alexandra Lau und Roland Schulz  Illustration: Dirk Schmidt

Atommüll strahlt ewig. Deshalb müssen Forscher Warnschilder ersinnen, die auch in 10 000 Jahren noch unmissverständlich sind. Ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima wird dieses Problem wichtiger denn je.

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Power Flower: Könnten eigens gezüchtete Pflanzen künftige Generationen vor atomaren Endlagern warnen?


Der Anruf kam ohne Ankündigung, wie in einem Thriller: Eine Vertreterin der Regierung meldete sich, man müsse reden. Das war Anfang der Achtzigerjahre, Ronald Reagan hatte gerade die Macht übernommen. Thomas Sebeok, Professor für Semiotik an der Universität von Indiana, in Fachkreisen berühmt für seine Forschung über Symbole und Zeichen, fragte sich, was die Regierung von einem Wissenschaftler wie ihm wollte. Die Frau am anderen Ende der Leitung erklärte, es gehe um Abfall. Radioaktiven Abfall. Sebeok erwiderte, davon habe er keine Ahnung. Aber er sei doch Zeichentheoretiker, fragte die Anruferin. Sebeok bejahte. Dann solle er schleunigst bei der Regierung vorsprechen. Man wolle von ihm wissen, wie man vor Atommüll warnt, sodass es auch spätere Generationen noch verstehen – in Hunderten, Tausenden, ja sogar Zehntausenden Jahren.

Heute, ein Jahr nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima und Deutschlands Ausstieg aus der Kernenergie, beschäftigt diese Frage wieder die Experten: Wie geht man mit den Hinterlassenschaften der Atomenergie um, deren Halbwertszeiten schon die Dimension der menschlichen Vorstellungskraft sprengen? Dass diese Frage nicht allein technischer, sondern auch philosophischer Natur ist, zeigte der Semiotiker Thomas Sebeok bereits lange vor Fukushima.

Als sich der Professor zu ersten Gesprächen mit einer in San Francisco einberufenen Regierungskommission einfand, erwartete ihn ein zwölfköpfiger Expertenstab, darunter Verhaltensforscher, Soziologen und Rechtsanwälte. Mitarbeiter von Ronald Reagan hatten diesen Zirkel aufgeboten, weil sie sich über die steigende Menge nuklearer Abfälle aus Atomkraftwerken in den USA sorgten: Wohin damit? Und wenn das Zeug untergebracht ist – wie davor warnen?

Radioaktive Strahlung ist nicht sichtbar, man kann sie nicht hören, schmecken oder fühlen. Sie ist so unfassbar wie die Zeit, die sie überdauert: Das Isotop Plutonium-239 etwa, das in Reaktoren häufig produziert wird, strahlt mehr als 24 000 Jahre, bis es den Punkt erreicht, an dem die Hälfte seiner Atomkerne zerfallen sind. Plutonium-242 hat eine Halbwertszeit von 375 000 Jahren. Jod-129 eine von 16 Millionen Jahren. Alle drei Stoffe sind in Atommüll enthalten. Alle drei Stoffe schädigen Leib und Leben.

Aufgabe von Sebeok und seinem Expertenstab war es, ein Warnsystem zu entwickeln, das noch in ferner Zukunft über die Lage und die Gefahren von Atommüll informiert. Der Professor zögerte. Jahre später schilderte er in der Fernsehdokumentation Countdown für die Ewigkeit seine Zweifel: »Ich fragte: Wie weit voraus sollen wir denn denken? Die Antwort aus Washington lautete: 10 000 Jahre.«

10 000 Jahre sind eine Zeitspanne, die sich leichter in die Vergangenheit denken lässt als in die Zukunft. Bis Christi Geburt: 2000 Jahre. Stonehenge: 4800 Jahre. Die Pyramiden von Gizeh: 5000 Jahre. Die Anfänge der ersten Hochkultur des Menschen, die Sumerer: 6000 Jahre. Jungsteinzeit: 10 000 Jahre – damals wurden die ersten Menschen sesshaft. Damit ist die Dauer der Halbwertszeit von Plutonium-239 noch nicht einmal zur Hälfte erreicht.

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Thomas Sebeok stellte die nächste Frage: welche Sprache für das Warnsystem vorgesehen sei. Das sei seine Sache, hieß es aus der Regierung. Wenn er aber Inschriften benutzen wolle, müsse er außer an Englisch auch an Französisch, Russisch, Arabisch, Spanisch und alle anderen Sprachen denken, die in Gebrauch sein könnten. »Das war abwegig«, erinnerte sich Sebeok später. »Keiner weiß doch zum Beispiel, welche Sprachen diejenigen sprechen werden, die in 5000 Jahren an dem Ort leben, den wir heute Nevada nennen.« Den Wüstenstaat Nevada hatten Geologen schon in den Achtzigerjahren als bevorzugte Stätte für ein atomares Endlager ausgesucht.

Die Halbwertszeit der Sprache ist kurz im Vergleich zu der radioaktiven Abfalls: Das Nibelungenlied im Original, »Uns ist in alten mæren wunders vil geseit/ von helden lobebæren, von grôzer arebeit« – gerade mal 800 Jahre alt. Die ältesten schriftlichen Zeugnisse der Menschheit, keine 5000 Jahre alt, sind allein Experten verständlich. Binnen 8000 Jahren, schätzen Wissenschaftler, tauscht sich der Wortschatz einer Sprache komplett aus.

Professor Sebeok erschien das Vorhaben absurd, gleichzeitig war er fasziniert und sagte seine Hilfe zu. Er bekam neun Monate, um eine Lösung zu finden, die 10 000 Jahre überdauern sollte.

Der Professor kehrte an seinen Lehrstuhl zurück, sagte alle Verpflichtungen ab und wühlte sich in die Vergangenheit: Wie sahen die ältesten Warnschilder der Menschheit aus? Sebeok stieß auf das Beispiel des persischen Königs Darius, der Inschriften in Stein hauen ließ, um Feinde abzuschrecken – er verfluchte sie in drei verschiedenen Dialekten, um sicherzugehen, dass jeder Eindringling die Warnung verstehe. Allerdings löschten Wind und Wetter viele der Inschriften bald aus. Und auch die verbliebenen Warnungen hatten keinen Effekt, wohl auch, weil die Eindringlinge sie nicht lesen konnten, wie Sebeok vermutet.

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Alexandra Lau und Roland Schulz

sind mit dem alten Warnschild für radioaktiven Abfall aufgewachsen - und hielten es für eindeutig. Von wegen, lernten sie während ihrer Recherche: Kinder halten das Symbol häufig für einen Propeller.

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