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aus Heft 06/2012 Reise 2 Kommentare

Adeus, Amor*

Rio de Janeiro verändert sich. Eine WM steht bevor, dann Olympische Spiele, das bedeutet schon jetzt: neuer Ordnungswahn und kleingeistige Verbote. Wer spüren will, was die Stadt zu verlieren hat, muss noch einmal dahin, wo sie einzigartig ist: an den Strand, in der Abenddämmerung.

Von Carmen Stephan  Fotos: Jonas Unger

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Als Ernesto Neto hört, dass die Kinder am Strand die Drachen nicht mehr steigen lassen dürfen, bricht der Zahnstocher zwischen seinen Lippen. Er verzieht den Mund, als hätte er auf etwas Bitteres gebissen, läuft zwei Schritte, flucht. »Und warum?«, seine Locken fliegen herum. Die Antwort kennt er schon. »Zu gefährlich. Das Drachengerüst könnte jemandem auf den Kopf fallen, sagen die Leute von der Stadtverwaltung.« Es gibt viele Dinge, von denen man sich vorstellen kann, sie seien zu gefährlich in Rio de Janeiro. Kinderdrachen gehören nicht dazu.

»Diese Fußball-WM ist ein Albtraum«, bricht es aus Ernesto heraus. Er läuft jetzt auf und ab, als wäre er in seinem Studio im Zentrum von Rio de Janeiro eingesperrt. Draußen rauscht der Verkehr. Die Wände sind mit Bleistift vollgekritzelt. In der Mitte des Raums schaukelt eine gelbe Hängematte. In der denkt, entwirft, zeichnet Ernesto Neto, 47 Jahre alt. Er ist ein berühmter Künstler, der schon im New Yorker MoMA, auf der Biennale in Venedig ausstellte, aber hier geht es nicht um seine Kunst. Hier geht es um sein Leben. Um seine Strandclique. Darum, wie man in Rio aufräumt, für die WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016, und dass dabei das, was Brasilien einzigartig macht, verloren gehen könnte. Ernesto rauft sich die Haare und erzählt von der Kokosnuss: Man öffnet sie mit drei gekonnten Säbelschlägen, im Fleisch bildet sich eine Pyramide. »Das ist Handwerk, das ist eine Kunst«, sagt Ernesto, »die Leute haben sich das selbst beigebracht.« Nun ist das Öffnen der Kokosnuss mit dem Messer am Strand verboten: zu gefährlich. Eigentlich wollte man die Kokosnuss (»aus Hygienegründen«) gleich ganz verbieten. Was einem Bierverbot im bayerischen Biergarten gleichkäme.

Ernesto drehte ein Video, ein Kokosnuss-Manifest. Zu einer legendären Silvesterparty seiner Strandclique, auf der zweitausend Menschen am Meer tanzten, trugen viele ein T-Shirt mit dem Bild einer Kokosnuss darauf. »Das ist ein Witz! Ein Skandal«, protestierten immer mehr Leute. Der Bürgermeister lenkte ein. Am Ende geht es natürlich nicht um die Drachen, nicht um die Nuss. Es geht darum, »dass sie uns das Beste wegnehmen wollen. Das, was uns ausmacht«, sagt Ernesto.

Der nächste Tag, 17 Uhr, am Strand des Arpoador, des Felsens zwischen Ipanema und Copacabana. Am Horizont taucht das Blau des Himmels in das dunklere, tiefere Blau des Ozeans. Die Wellen klatschen voller Wucht auf den Strand. Ernesto tritt an das Geländer zwischen Straße und Strand, umfasst es mit beiden Händen, schaut hinunter zu seiner Strandclique, seiner galera. Schließlich springt er in den Sand, umarmt jeden seiner Freunde, als hätte er ihn nicht erst gestern gesehen. Am längsten umarmt er Marcus Wagner, den er seinen »Bruder« nennt, der Ernesto um einen Kopf überragt, 46 Jahre ist er. Die beiden kennen sich, seit sie 18 waren. Marcus zeichnete am Strand die Badenden, und Ernesto wollte es ihm gleichtun. Sie sind die Wirbelsäule dieser Clique. Seit über zwanzig Jahren gilt zum Ende jeden Tages die unausgesprochene Verabredung: Man kommt zu diesem Punkt im Sand. Wer da ist, ist da. Marcus schaut aufs Meer. Ernesto holt Bier, Flavinho küsst, immer knapp neben den Mund, Marion dreht sich, bis das kalte Wasser in ihren Haaren auf die Haut der anderen spritzt, William macht mit einer blinkenden Maschine handballgroße Seifenblasen. Alle stehen, nah beieinander, barfuß. Der Sand ist noch warm. Der Blick ins unendliche Blau, auf die grünen Hügel. Im Stehen redet man. Über Politik. Liebe. Die Stadt. Macht Pläne. Ideen fliegen durch die Luft – Lachen, süße Wörter, linda, beleza, achtsam gewählt, vielleicht weil der andere fast nackt vor einem steht.

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Zur Clique gehören Künstler, Biologen, Fitnesstrainer, Öffentlichkeitsarbeiter, Schwarze, Weiße, Juden, Katholiken, Europäer, Brasilianer. Und jedes Ego auf das Minimum reduziert: auf eine Badehose. Ein gutes Dutzend bildet den Kern, andere kommen und gehen. Jeder kann kommen. Der Strand hat keine Wände. Hier wird, jeden Tag, etwas in die Wirklichkeit umgesetzt, wovon viele Länder bloß träumen. In den Fünfzigerjahren wurde in Brasilien die Idee der Miscegenation von Portugiesen, Afrikanern und Ureinwohnern in den Köpfen verankert. Andere Staaten wie die USA hielten noch lange nach der Abschaffung der Sklaverei an Rassentrennung fest, in Brasilien geschah das genaue Gegenteil: Rassenmischung wurde hoch geachtet. Am Strand lebt man diese Achtung. Natürlich gibt es auch dort Grüppchen, es gibt die soziale Ungerechtigkeit von Rio, die Trennung von Arm und Reich, aber es gibt Orte, an denen die Unterschiede aufgehoben sind. Die Leute begegnen sich noch. Das muss man wissen, um Ernestos Wut und Trauer um den Umbau des Maracanã-Stadions zu verstehen. Das Stadion, in dem Brasilien 1950 kurz vor Spielende die Weltmeisterschaft verlor: Nach dem Tor des Uruguayers Alcide Ghiggia waren plötzlich alle still. Es geht darum, wie die »ärmeren« Leute unten am Spielfeldrand direkt mit denen auf den Sitzbänken Kontakt hatten, wie sie sich in die Augen schauten, sich zujubelten. Nun werden VIP-Tribünen, Lounges, teure Sitzplätze installiert – es gibt keine Stehplätze, keine Verbindung mehr. Gestern, in seinem Studio, als Ernesto auf- und ablief, rief er: »Mann, es ist das Maracanã«, und seine Stimme brach, »das Stadion, in dem ein Typ 200 000 Menschen zum Schweigen brachte, das Stadion des Volkes. Vier Wochen WM, danach müssen wir damit leben, für immer. Das ist, als würdest du eine Atombombe auf unser Herz werfen.

Kommentare

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Kommentar:

  • SZ-Magazin Redaktion (0) @Parkhardt Burkinson:

    Lieber Leser, während des gesamten Zeitraums dieser Reportage, der Wochen, die der Fotograf Jonas Unger und ich für diese Reportage vor Ort am Strand von Rio verbrachten, ging die Sonne, wie auf den Fotos sehr gut erkennbar, im Meer unter. Es ist korrekt, dass sie dies nicht während des gesamten Kalenderjahres tut, in den Sommermonaten jedoch sehr wohl.

    Auf folgenden drei Videos können Sie das ganz gut sehen:

    http://www.youtube.com/watch?v=sT5_fLzRn...
    http://www.youtube.com/watch?v=Vqu8XGqMG...
    http://www.youtube.com/watch?v=_Mpw_JJVY...

    Mit den besten Grüßen
    Carmen Stephan
  • Parkhardt Burkinson (1) Vom SZ-Magazin weiß man ja aus der Vergangenheit, dass mitunter Texte erfunden wurden. In diesem Text ist zumindest der Part mit dem Sonnenuntergang am Strand der Fantasie der Autoren entsprungen. Und das zum wiederholten mal, den Teile des Textes standen ja schon einmal hier online. Merke, liebe SZ-Redaktion: Am Ipanema-Strand kann man keine Sonne im Meer untergehen sehen. Dementsprechend klatscht auch keiner dazu. Einfach mal einen Atlas aufschlagen, dann wird alles klar.