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aus Heft 04/2012 Aus dem Magazin Noch keine Kommentare

Investition in die Zukunft

Abstrakte Malerei ist nichts als Farbgepansche? Kann jedes Kind? Nicht jedes – sie schon: Aelita Andre, fünf Jahre alt, hat letztes Jahr Bilder für 200 000 Euro verkauft. Eine unglaubliche Kunstgeschichte.  

Von Kate Legge  Fotos: dpa




Ganz normal: Aelita Andre malt gern bunte Bilder. Weniger normal: Sammler zahlen dafür sehr viel Geld. Ist die Kleine ein Wunderkind? Oder nur ein Produkt von Eltern, die ihren Nachwuchs für etwas ganz Besonderes halten?

Aelita Andre reckt mir ihr Engelsgesicht entgegen, als wolle sie ihre Nase an meine Brillengläser pressen. Doch dann entschließt sie sich, lieber mit ihren klebrigen Fingern draufzupatschen. Das geht ja gut los. Ich habe fünfjährige Kinder gebadet und angezogen, getröstet und bespaßt, aber noch nie eines interviewt. Und mir nie darüber Gedanken machen müssen, ob ich es vielleicht falsch zitiere.

Dabei ist Aelita längst eine Medienveteranin. Sie hat ihre eigene Webseite, einen Wikipedia-Eintrag, mehr Google-Treffer und Youtube-Videos als manche erwachsene Prominente. Die New York Times, der Guardian, die BBC und andere Fernsehsender haben über sie berichtet, und das Time Magazine fragte letztes Jahr auf seiner Webseite: »Ist diese Vierjährige ein neuer Picasso?«

Im Juni 2011, da war Aelita vier Jahre alt, hatte sie ihre erste Einzelausstellung in der New Yorker Agora Gallery. Alle ausgestellten Arbeiten wurden verkauft, für zusammen rund 190 000 Euro. Auch für die Käufer kann sich Aelitas Kunst, die wechselweise dem »Abstrakten Expressionismus« oder dem »Surrealismus« zugerechnet wird, durchaus lohnen. Jüngst hat jemand eines ihrer Frühwerke namens »Mir-Station in Kirschblüten«, das er für 650 Euro erstand, an einen Kunstfreund in Hongkong veräußert – für das Dreißigfache. Im Juni wird es in der Agora Gallery in New York eine weitere Aelita-Ausstellung geben, vielleicht fliegen auch dann wieder Sammler aus Kalifornien mit dem Privatjet ein wie beim letzten Mal.

Als ich Aelita im bescheidenen Haus ihrer Eltern in einem Vorort von Melbourne besuche, trägt sie ein sehr kindliches Kaugummipink. Unsere Begegnung findet an jenem Ort statt, an dem ihre Kunst entsteht – eine wilde Kreuzung von Atelier und Kinderzimmer. Auf dem Boden ausgepresste Farbtuben und Pinsel, dazwischen ein Kinderschlagzeug, Stofftiere, Barbiepuppen und eine Herde Plastikponys. Ganz hinten in der Ecke sitzen an einem kleinen Tisch, auf dem ein Samowar zischt, ihre sie abgöttisch liebenden Eltern.

Aelitas russischstämmige Mutter Nikka Kalashnikova, die ihr Alter mit »ungefähr vierzig« angibt, hat in Sankt Petersburg Musik studiert, ehe sie vor zwanzig Jahren nach Australien auswanderte und Michael Andre, 49, kennenlernte und heiratete, einen Filmemacher und Sohn russischer Immigranten. Zusammen betreibt das Paar eine Filmproduktion namens »2 Mad Russians«, der allerdings noch kein Kassenknüller gelungen ist.



Längst ist Aelita zum wichtigsten kreativen Projekt ihrer Eltern geworden. Stolz erzählen sie, dass der Kurator einer Kunstbiennale in der Toskana sie als »Genie« bezeichnete und unbedingt in seiner Show haben wollte und dass sich Galerien in Russland und Malaysia um Ausstellungen bemühen.

Unterdessen benimmt sich Aelita so hibbelig wie jede gesunde Fünfjährige. Sie kämmt ihrer Mutter mit einem Puppenkamm die Haare, will mit einem Plastiknetz im Planschbecken im Garten fischen, stibitzt sich aus einem Karton, der eigentlich nicht für sie gedacht war, einen Schokoladenfrosch. Wenn man ihr im Action-Modus zusieht, fragt man sich, wie sie wohl lange genug stillhalten kann, um anderthalb Quadratmeter große Gemälde zu erschaffen.

Doch vielleicht ist diese unbändige Energie die Erklärung für jenen Produktivitätsausbruch, bei dem während eines dreiwöchigen Florida-Urlaubs bei Verwandten gleich 16 neue Aelitas entstanden. »Es war brüllend heiß, die Moskitos stachen wie verrückt, aber sie wollte unbedingt malen«, erzählt Kalashnikova. »Selbst nach Sonnenuntergang machte sie weiter, Taschenlampe in der einen, Pinsel in der anderen Hand. Es war unglaublich!«

Angela Di Bello, Leiterin der New Yorker Agora Gallery, hält ihre neueste Errungenschaft (»der jüngste professionelle Künstler der Welt«) für »außergewöhnlich begabt« und mit einem großen Verständnis für Farbe, Komposition und Textur gesegnet. Ihrer Auffassung nach werden die Käufer von Aelitas Arbeiten nicht vom Hype, sondern durchaus von der Kraft ihrer Kunst angezogen.

Noah Horowitz, Autor eines Buches über den globalen Kunstmarkt, vermutete in einer Besprechung in der New York Times, dass der Erfolg des Mädchens zum Teil ein Internet-Phänomen ist, beurteilte dessen Kunst aber bemerkenswert nachsichtig: »Ihre Arbeiten tun niemandem weh und sind zweifelsohne ›künstlerisch‹ – sie ähneln dem, was wir weltweit in Hotels, Wartebereichen von Unternehmen und Wohnzimmern zu sehen bekommen. Vermutlich können sich die meisten Menschen darauf einigen, dass das hübsch ist.«
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Auch der Kunstkritiker Robert Nelson glaubt nicht, dass hinter Aelitas Aufstieg dunkle Absichten stehen, erkennt in ihrem Werk aber eine unverwechselbar erwachsene Ästhetik. »Die Mutter wird nicht müde, die Urheberschaft ihrer Tochter zu betonen, aber in den Bildern sieht man viele elterliche Einflüsse«, sagt er. »Sie malt zum Beispiel bis in die Ecken, was für ein Kind dieses Alters unüblich ist. Die Farbkomposition ist sehr ausgereift, mit einem zentralen Motiv in der Mitte des Bildes und einem zweiten in einer Ecke. Es ist ziemlich offenkundig, dass während des Malens eine Form von Betreuung stattfindet.«

Ohne Überwachungskameras in Aelitas Atelier sind wir diesbezüglich auf die Auskünfte der Eltern angewiesen. Sie haben über Aelita ein Video mit dem Titel Ein Wunderkind der Farbe gedreht, auf dem man zum Klang von Windspielen und klassischer Musik beobachten kann, wie sie mit Farbe hantiert, aber man sieht sie kein einziges Mal ein Bild von Anfang bis Ende malen. Von Aelitas Beispiel befeuert, hat eine Mutter aus New Jersey ihr eigenes Winderkind-Video über ihren zweijährigen Sohn gedreht und ins Internet gestellt – eine einzige ungeschnittene Sequenz, damit niemand Zweifel daran haben kann, dass es sich bei dem matschigen Klecks, den der Junge produziert, um dessen eigenes Werk handelt. Manchmal entscheidet eben das Wissen, wann man aufhören muss, darüber, ob man Kunst erhält oder bloß eine verdorbene Leinwand – umso mehr bei einem Kind, das sich leicht zu einem Farbenrausch hinreißen lässt.

Greifen Andre und Kalashnikova jemals ein, um Aelitas Bilder vor ihrem Schaffensdrang zu retten? »Das würde die Reinheit des Ausdrucks zerstören«, widerspricht Andre mit einem Anflug von Empörung. Schlagen sie ihr Farben, Techniken vor? »Wir gehen mit ihr in den Künstlerbedarfsladen, sie sucht sich die Farben aus. Unsere Rolle ist es, sie zu unterstützen. Mehr machen wir nicht.«

Kalashnikova und Andre verhandeln über Galerieverträge, legen die Preise für Aelitas Hervorbringungen fest, verwalten ihre Termine mit den Medien und betreuen ihre Webseite. Aber vor allem warten sie darauf, dass die Muse sich einstellt. »Wir können nicht sagen, wie und wann es geschieht«, sagt Kalashnikova. »Aber wenn Aelita sagt, dass sie malen will, lassen wir alles fallen und stellen zwei Kameras an. Wie sie arbeitet, ist einfach unglaublich. Wenn sie eine Inspiration hat, malt sie.«

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