Anzeige

aus Heft 03/2012 Die Gewissensfrage 2 Kommentare

Die Gewissensfrage

Ist es gerechtfertigt die hiesigen Studienbedingungen zu kritisieren, obwohl ganze Teile der Weltbevölkerung überhaupt keinen Zugang zu Bildung haben?

Von Dr. Dr. Rainer Erlinger  Illustration: Marc Herold




»Ist es moralisch vertretbar, sich als deutscher Student über den Stress des Studiums zu beklagen, oder ist das purer Hohn dem Teil der Weltbevölkerung gegenüber, der keinerlei Bildungsmöglichkeiten hat?« Lukas Z., Lübeck

In Ihrer Frage liegt viel mehr, als man auf den ersten Blick meinen möchte. Das, was Sie in Bezug auf das Bildungswesen schreiben, kann man auf alle Bereiche des Lebens übertragen. Und als Erstes feststellen, dass man durch einen Vergleich mit einer passend gewählten Vergleichsgruppe jedes Problem relativieren kann. Alle finanziellen Fragen ohnehin, aber auch existenzielle. Mit dem Verweis auf andere Länder und Regionen könnte man in einem wohlhabenden Land wie hier jede noch so berechtigte Forderung in sozialen oder auch Gerechtigkeitsfragen abschmettern. Und für nahezu jede Diskriminierung oder Entrechtung findet sich vermutlich irgendwo auf der Welt ein Ort, an dem es der betreffenden Personengruppe noch schlechter geht, man ihr etwa nach dem Leben trachtet.

Der zweite Aspekt scheint mir im Wort »beklagen« zu liegen. Es hat zweierlei Bedeutungsrichtungen: eine technische, im Sinne von anklagen oder »Klage erheben«; so nennt man auch den Gegner im Prozess – den, von dem der Kläger das ihm Zustehende einfordert – den »Beklagten«. Und eine emotionale im Sinne von wehklagen, also einen Schmerz ausdrücken. Dies kommt in »beklagenswert« zum Ausdruck.

Anzeige


Die Verbindung dieser beiden Gedanken könnte die Lösung weisen: Wenn etwas falsch läuft, ist man nicht nur berechtigt, sondern es ist sogar sinnvoll und geboten, dagegen »Klage zu erheben«, auf den Missstand hinzuweisen und auf Abhilfe zu drängen. Eben das einzufordern, was einem zusteht. Das kann man auch dann, wenn es anderen noch schlechter geht, solange es nicht auf deren Kosten geht. Davon aber würde ich das Wehklagen unterscheiden. Es ist ein großer Unterschied, etwas zu fordern, einzuklagen oder darüber zu klagen, dass man es nicht hat. Dass man nicht alles hat, sollte nicht dazu verleiten, sich automatisch benachteiligt oder unglücklich zu fühlen. Und dabei kann der Gedanke an andere Menschen, denen es schlechter geht, hilfreich sein. Übrigens in vielen Bereichen.

Wenn also das Studium tatsächlich, etwa durch die Studienreformen im Rahmen des Bologna-Prozesses, übermäßig belastend geworden ist, dürfen Sie sich darüber ruhig beschweren, können sich aber dennoch über Ihre Möglichkeiten hierzulande insgesamt freuen.

---

Quelle:

Deutsches Wörterbuch
von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Bd. 1, Sp. 1418: „BEKLAGEN“

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Tom Schulte (1) Aber sicher ist die Klage gerechtfertigt!
    Denn das eine hat mit dem anderen nichts zu tun und der Stress ist messbar vorhanden.

    Grundlage Ihrer Betrachtung ist in erster Linie eine moralische Bewertung. Denn was bedeutet denn schon "falsch laufen"?
    Wir tun dabei gerne so, als wenn unsere Maßstäbe verbindlich für andere wären.
    Aber natürlich müssen wir unsere Stimme erheben und wir erwarten natürlich, dass man innehält und uns zuhört. Nicht auszudenken, wo wir hin kämen, wenn sich niemand für unsere Bedenken und brillanten Gedanken interessieren würde!

    Aber die moralische Bewertung einer Frage um gerechtfertigten Studienstress mit einer Bemerkung über Personengruppen zu machen, denen nach dem Leben getrachtet wird, finde ich schon zynisch!
    Aber Sie sind Journalist und werden sich schon etwas dabei gedacht haben.

    Ich schlage weitere Fragen vor: Ist es gerechtfertigt...
    ...die eigenen Kinder in der KITA zu schicken, wenn sie in anderen Ländern bereits zum Familienunterhalt betragen?
    ...zum Zahnarzt zu gehen, wenn die ärztliche Versorgung anderswo schlecht ist?
    ...sich über sein Übergewicht zu beschweren, wenn anderswo Menschen verhungern?
    ...ab 50 Jahren ein schlechtes Gewissen zu haben, da die weltweite Lebenserwartung wohl geringer ist?

    Was ist daher der tiefere Sinn des Artikels? Welche Empfehlung soll ich für mich ableiten?
  • Hans-Dieter Eberhard (0) Die Antwort scheint mir nicht ganz ausreichend. Das, worüber wir jammern oder klagen, woran wir also leiden, hat eine wesentlich subjektive Komponente. Was uns bekümmert, mag einem anderen gleichgültig sein. Wir sind mit unserem Jammer in Wirklichkeit allein. Sehr deutlich wird das, wenn wir den Schmerz betrachten, ich meine, den physischen Schmerz, und zwar wirklich peinigenden Schmerz. Es hilft uns nicht das mindeste zu wissen, daß ein anderer gleiche oder gar schlimmere Schmerzen erdulden, für uns zählt nur der eigene Schmerz, mit dem wir allein sind. Er wirft uns auf uns selbst zurück. Mit anderen Worten, wird immer berechtigt, uns über das zu beklagen, worunter wir leiden. Wie stark dieses Leid ist, können wir auch nur selber wissen, und es gibt auch eingebildete Schmerzen.