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aus Heft 07/2011 Sport

»Ich will definitiv noch nicht gehen«

Thilo Komma-Pöllath (Interview)  Fotos: Juergen Hasenkopf, dpa

Vor einem Jahr wurde bei Martina Navratilova, Tennis-Legende, neunfache Wimbledon-Siegerin, Krebs festgestellt. Sie hat ihn überlebt. Ein Gespräch über das Weitermachen.


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SZ-Magazin: Frau Navratilova, 2010 war ein schwieriges Jahr für Sie. Im März wurde bei Ihnen Brustkrebs diagnostiziert, nach Operation und Bestrahlung wurde die Behandlung im Juni abgeschlossen. Wie geht es Ihnen heute?

Martina Navratilova: Mir geht es sehr gut. Ich hatte keine klassischen Krebssymptome, sondern Kalkablagerungen in der linken Brust, die karzinös waren und im März operativ entfernt wurden. Am Wochenende vor dem Eingriff habe ich Hockey gespielt, zwei Wochen nach der Operation an einem Radrennen teilgenommen, drei Wochen danach einen Schaukampf gespielt. Ich habe die Bestrahlung im Mai extra in Paris gemacht, damit ich währenddessen die French Open spielen und fürs Fernsehen arbeiten konnte.

Klingt ehrlich gesagt ziemlich unvernünftig. Hätten Sie sich nicht schonen müssen?
Das habe ich anfangs auch gedacht. Aber meine Ärzte haben gesagt: »Tun Sie, was Ihnen Spaß macht, dann grübeln sie nicht so viel über die Krankheit nach.« Eine gute Freundin von mir hat permanent Angst, dass irgend-etwas schiefgehen könnte. Mal denkt sie, dass sie auf der Straße überfallen wird, dann wieder, dass sie einen Autounfall hat oder ihr Handy liegen lässt. Ich bin das genaue Gegenteil. Wenn was Schlimmes passiert, suche ich nach Lösungen.
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Zum Beispiel?
Ich hatte früher Flugangst, also habe ich einen Pilotenschein gemacht. Ich hatte Angst vor dem Ertrinken, also habe ich einen Tauchschein gemacht. Ich hatte Angst vor Schlangen, also habe ich mir eine Python um den Hals legen lassen. Und jetzt also der Krebs. Ich finde es viel einfacher, sich einmal seinen Ängsten zu stellen, als sich ein Leben lang vor ihnen zu fürchten. Das macht einen nur kaputt.

Verzeihen Sie, aber sich mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen ist etwas anderes, als zwei Wochen nach der Operation an einem Radrennen teilzunehmen.
Das stimmt schon. Ich bin sehr leistungs-orientiert, sonst hätte ich früher auch nicht solche Erfolge haben können.

Möglich, dass Sie getrieben sind?
Mag sein, aber getrieben heißt für mich, dass ich nicht den Zufall mein Leben lenken lasse, sondern versuche, aktiv das Beste aus meinen Möglichkeiten zu machen. Ich sehe das nicht negativ.

Sie betrachten den Krebs als eine Angst unter vielen?
Halt! Ich habe mich von den alltäglichen Ängsten befreit. Der Tod ist ein anderes Kaliber. Natürlich fürchte ich mich vor dem Sterben. Wie jeder von uns. Eben weil man sich dieser Angst nicht stellen kann. Ich habe früher immer gedacht, ich will gar nicht wissen, wann und wie ich sterbe, ich kann es sowieso nicht beeinflussen. Jetzt weiß ich, ich will definitiv noch nicht gehen und ich habe mir geschworen: Diese Krankheit bringt mich nicht um.

Was sagen die Ärzte zu Ihren Heilungschancen?
Die Wahrscheinlichkeit, dass der Krebs zurückkommt, liegt bei weniger als fünf Prozent. Ohne Bestrahlung hätte die Rückfallquote bei 25 Prozent gelegen. Das sind für mich erst mal beruhigende Zahlen.

Können Sie sich noch an den Moment erinnern, als Ihre Ärztin sagte: Es ist Krebs!
Die Diagnose war schrecklich. Meine Ärztin ist eine meiner besten Freundinnen. Sie sagte zu mir: »Martina, bevor du dich jetzt aufregst, es ist Krebs, aber es ist guter Krebs.« Ich dachte nur, was heißt hier guter Krebs? Meine Gesundheit ist kein Oxymoron, Krebs ist Krebs. Am nächsten Tag erklärte sie mir, dass es sich um eine Krebsvorstufe handelt und ich vorerst um eine Chemotherapie herumkommen würde. Als ich am 16. Juni, nach sechs Wochen, den letzten Bestrahlungstermin hinter mir hatte, habe ich eine große Party gegeben. Viele meiner besten Freunde sind nach Paris gekommen. Ein Gefühl wie der Beginn eines neuen Lebens.

Wie war die Stimmung auf der Party? Haben die Gäste die Krankheit angesprochen?
Mit meinen besten Freunden spreche ich über alles, die kennen alle Details meiner Krankengeschichte, aber einigen stand die Angst schon ins Gesicht geschrieben. Bei Krebs weißt du nie, woran du bist. Heute bist du geheilt, morgen kommt er doppelt so aggressiv zurück. Ich fühlte mich stark genug, sie in den Arm zu nehmen und zu beruhigen. Die Stimmung erinnerte mich an meinen eigenen Leichenschmaus, nur dass ich mich gleichzeitig unglaublich lebendig fühlte.

Hatten Sie nie Momente der Schwäche oder des Zweifels?
Natürlich hatte ich die, aber ich wollte ihnen keinen Raum geben, denn dann breiten sie sich aus wie die Pest. So eine Bestrahlung klingt harmloser, als sie ist. Sie macht sehr, sehr müde, irgendwann wollte ich nicht mehr aus dem Bett. Das kannte ich von mir gar nicht, eigentlich reichen mir fünf, sechs Stunden Schlaf. Ich war niedergeschlagen, lustlos, deprimiert und hatte keinen Appetit.

Litten Sie unter Depressionen?
Ich wollte mich nicht aus dem Hotelfenster stürzen, wenn Sie das meinen. Ich hatte auch keine Depression im klinischen Sinne. Es waren die üblichen Nebenwirkungen, wie sie mir die Ärzte vorher angekündigt hatten. Es gab aber auch Erlebnisse, die mir Kraft gegeben haben.

Welche denn?
Andere kranke Frauen zu beobachten, die ich in der Klinik kennengelernt habe. Frauen jeden Alters, die einen waren dreißig, andere sechzig Jahre alt, mit zum Teil katastrophalen Krankengeschichten. Wie die jeden Morgen fest entschlossen vor dem Bestrahlungszimmer saßen, wie sie ihr Schicksal angenommen und trotzdem gekämpft haben, das hat mich sehr beeindruckt.
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Thilo Komma-Pöllath

, 39, traf Martina Navratilova in einer Bergsteiger-Lodge am Fuß des Kilimandscharo. Am nächsten Morgen brach die neunmalige Wimbledon-Siegerin zu einer Expedition auf den höchsten Berg Afrikas (5895 m) auf.

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