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aus Heft 16/2010 Geschichte 4 Kommentare

Der lange Schatten der Schuld

Seite 9

Von Christoph Cadenbach und Bastian Obermayer  Fotos: Mauritius; Interpress / Wazawa, Yad Vashem; Lisl Urban / Dingsda Verlag



München, 2009/2010

John Demjanjuk hält sich nicht für verhandlungsfähig, aber die Ärzte sagen, dass er es ist. Am 30. November beginnt sein Verfahren am Münchner Landgericht, und die halbe Welt ist angereist, dabei zuzusehen: Angehörige von Sobibór-Opfern und Holocaust-Überlebende, Journalisten aus den USA, Israel, den Niederlanden und Deutschland, die in den vergangenen Tagen unermüdlich vom »letzten großen NS-Prozess« geschrieben haben, stehen an diesem Morgen stundenlang vor dem Gerichtsgebäude Schlange: Der Saal A 101 ist mit seinen 136 Plätzen viel zu klein für diesen Andrang.
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Während der ersten Prozesstage werden die Nebenkläger gehört: traurige, alte Menschen, aber mit entschlossenen Mienen, die ihre Familien in Sobibór verloren haben oder zu den wenigen gehören, die das
Lager überlebten. Fragt man sie in den Prozesspausen, warum sie die weite Reise nach München auf sich genommen haben, sagen sie, dass es ihnen wichtig gewesen sei, ihre Geschichte zu erzählen. Solange sie noch leben.

Und fragt man in den gleichen Pausen Schüler, die mit ihrer Klasse den Prozess besuchen, ob sie es richtig fänden, einen 90-jährigen Mann wie Demjanjuk vor Gericht zu stellen, sagen sie, dass es wichtig sei, die Täter zu bestrafen. Solange sie noch leben.

John Demjanjuk sagt vor Gericht nichts. Am Ende jedes Prozesstages wird er zurück nach Stadelheim gefahren, in seine Zelle mit dem Holzkreuz, zu seinem Zellennachbarn, der nur deutsch spricht, in seine Welt, in der niemand nach der Vergangenheit fragt. Eigentlich sollte über ihn im Mai geurteilt werden, doch nun sind schon Termine für September angesetzt. Wenn der Richter Demjanjuk schuldig spricht, wird es wohl kaum der »letzte große NS-Prozess« gewesen sein. Es werden bereits neue Verfahren geprüft, auch gegen Zeugen aus dem Demjanjuk-Prozess, die wie der Angeklagte Hilfswillige waren.

Und auch Erich Steidtmann wird sich wohl doch noch einmal mit all dem beschäftigen müssen, was damals war, im Warschauer Ghetto und auf der Wiese hinter dem KZ Majdanek: Aufgrund der Recherche des SZ-Magazins, die nahelegt, dass Steidtmann als Kompanieführer am »Erntefest«-Massaker beteiligt war, entscheidet Oberstaatsanwältin Angelika Gresel am 13. April 2010, die Ermittlungen wieder aufzunehmen.
Das Ortskürzel »O.U.« wird nun doch eine Rolle spielen. ---

Als die beiden Redakteure des SZ-Magazins Christoph Cadenbach, 30, und Bastian Obermayer, 32, für diese Geschichte Dutzende Dokumente aus den Archiven der Nachkriegsjustiz lasen, waren sie immer wieder erstaunt, wie dreist die Täter damals logen und wie gern die Ermittler bereit waren, selbst den krudesten Erklärungen zu folgen. In einem Fall behaupteten 13 Männer derselben Kompanie, sie seien nur als Köche dabei gewesen. Die Kompanie hatte drei Köche. Außerdem erfuhren Cadenbach und Obermayer, dass die alten Kameradschaften noch immer bestehen: Ein Ermittler erzählte ihnen, dass sich greise Mitglieder derselben Einheit immer noch telefonisch absprechen, wenn sie vor Gericht aussagen sollen. Der Ermittler hatte die Telefone der alten Männer überwacht.

Wer sich in das Innenleben solcher Prozesse vertiefen will, dem sei Stefan Klemps Buch Nicht ermittelt empfohlen sowie Christopher R. Brownings Ganz normale Männer, das zeigt, wie aus gewöhnlichen Menschen Massenmörder wurden. Wer sich noch weiter für das Warschauer Ghetto interessiert, sollte Der Ghetto-Aufstand von Wolfgang Scheffler und Helge Grabitz lesen, die eindrucksvolle Augenzeugenberichte und Zeugenaussagen von Opfern und Tätern zusammengetragen haben.

Sehr lesenswert sind auch die beiden Bücher Vernichtungslager Sobibór von Jules Schelvis und Nur die Schatten bleiben von Thomas Blatt, die beide Sobibór überlebten und im Demjanjuk-Prozess als Nebenkläger auftreten. Jeder, der sich für dieses Thema interressiert, sollte aber auf jeden Fall den Demjanjuk-Prozess in München besuchen, der noch bis mindestens September 2010 läuft. "Besser als jedes Geschichtsseminar", sagt Cadenbach, der den Prozess in den letzten Wochen verfolgte.



Kommentare

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  • Christine Depta (0) Danke für diese Ausgabe des SZ-Magazins.
  • Reinhard Ettel (0) Ich bin weder sprach- noch fassungslos ob der Informationen in diesem großartigen Magazin. Aber ich finde bestätigt, was ich eigentlich schon wußte, nämlich, daß die deutsche Justiz zur Vefolgung der NS-Verbrechen wie der Jäger zur Jagd getragen werden mußte. Die Zahlen sprechen doch wohl für sich, und das, obwohl sich die Masse der führenden Köpfe vor der vorrückenden Roten Armee in den amerikanisch besetzten Teil Deutschlands flüchtete, auch weil dort die sog. Entnazifizierung eher an ein Gesellschaftsspiel erinnerte, als an eine konsequente Auseinandersetzung mit diesem System.
    Und natürlich ist dabei nicht unbeachtlich, daß die bundesdeutsche Justiz zunächst auf "altbewährtes" Personal zurückgegriffen hat, von denen keiner ein brennendes Interesse an der Aufdeckung der Verbrechen haben konnte, waren sie doch z.T. selbst Täter geworden.
    Und selbst Ermittlungsbehörden waren mit Altnazis durchsetzt, der BND sogar mit an Massenmorden beteiligten.
    Insofern sollte man bei Überlegungen, dieses Heft als Unterrichtsmaterial zu verwenden, den 1. Beitrag auslassen, damit das Vertrauen in die Justiz nicht leidet.
    Zum Massenmord an den Armeniern ist die Lektüre von Franz Werfels "Die 40 Tage des Musa Dagh" wirklich zu empfehlen.
    Das Beispiel Rechnitz letztlich sehe ich als Ausweis dafür, wie weit die Schatten der Vergangenheit doch reichen.
  • Gerd Weghorn (1) Der SZ mein allerhöchstes Kompliment für diese Ausgabe des SZ-Magazins, verbunden mit dem Vorschlag, es allen deutschen Sekundarschulen als Unterrichtsmaterial anzubieten.

    Ich habe mich seit mehr als 50 Jahren mit "unserer unbewältigten Vergangenheit" wissenschaftlich beschäftigt - wen es interessiert: http://profiprofil.wordpress.com/tag/antisemitismus/ - und muss auch in dieser "Aufarbeitung" zumindest meine These bestätigt sehen, dass es ein Tabu gibt, was zu brechen sich ganz offensichtlich immer noch so gut wie niemand (zu)traut: das Tabu der "Schuld" des Bürgertums - sowohl des Bildungs- wie des Besitzbürgertums, den Hochadel hier eingeschlossen - am Aufkommen, an der Realisierung und an der Ausbeutung der ns. Terrorherrschaft; die Begründung dieser These ist nachzulesen auf http://profiprofil.wordpress.com/2009/06... .

    Für Widerspruch wäre ich sehr dankbar, ist der professionelle Umgang mit ihm doch der Motor des Fortschritts.

    Gerd Weghorn, Bonn
  • Wolfgang Wetzer (0) Man ist schlicht sprachlos. Aber Danke an das SZ-Magazin für die Recherche.