Anzeige

aus Heft 38/2009 Innenpolitik 8 Kommentare

Mein Jahr in der Linkspartei

Seite 2

Von Tobias Haberl  Jo Jankowski (Fotos)




»Ich esse nur französisch, indisch und ayurvedisch«
Vereinsheim des TSV Ingolstadt, Samstag, 10 Uhr: Willkommen in der Welt der Leberknödelsuppen, Salatgarnituren und Billigpokale. Ich sitze mit 57 Genossen in einem Saal, zusammen sind wir 5,9 Prozent derer, die eingeladen wurden. Im Saal nebenan feiert ein Ingolstädter seinen 60. Geburtstag, unter Girlanden steht ein Alleinunterhalter am Keyboard. Kurz denke ich an meine Kindheit, als ich versucht hatte, mich in einem Fußballverein wohlzufühlen. Ich entdecke Niels, aber er sitzt ganz vorn beim Podium, das ist mir viel zu heikel. Sonst kenne ich niemanden. Ich setze mich neben einen Ossi mit einem ICE-Zug als Krawattennadel; am Tischende hat ein junger Mann mit Baskenmütze zwei Bücher vor sich ausgebreitet: Der Zweite Weltkrieg von Churchill und Perestroika von Gorbatschow. War er zum Lesen gekommen? Ich werde unsicher. Kränke ich einen Hartz-IV-Empfänger, wenn ich das teuerste Gericht auf der Karte bestelle? Wie viel Trinkgeld ist angemessen? Sonst gebe ich grundsätzlich zehn Prozent. Geben Linke weniger? Oder am Ende mehr? Weil man doch, wenn man »Reichtum für alle« fordert, gleich mit der Bedienung in Ingolstadt anfangen könnte? Die Frage mit dem Essen erübrigt sich schnell: Der Ossi bestellt in schneller Folge Schweinsgulasch mit Nudeln, mehrere Tassen Kaffee und drei Kugeln Nuss-Eis mit heißen Kirschen. Danach stellen sich die Kandidaten vor: Jeder hat drei Minuten Redezeit. Keiner hält sich dran. Es geht um den Lissabon-Vertrag, den anscheinend alle außer mir gelesen haben, das Wort »neoliberal« fällt alle zwei Minuten. Ich gebe meine Stimmen den vier Frauen und Männern (Gleichberechtigung!), die mir am sympathischsten sind, darunter eine ältere, weißhaarige Genossin, die einen engagierten Auftritt hinlegt; später erfahre ich, dass ich eine Trotzkistin nominiert habe. Um 16 Uhr sind wir fertig. Ich nehme einen Mann namens Henning und eine Hippie-Frau mit zurück nach München. Während der Fahrt füttert sie mich mit Apfelscheiben und Rosinen. »Ein Steak hat so viel Energie, man könnte damit 25 Menschen satt machen«, sagt sie. Sie sei Vegetarierin und esse lieber französisch, indisch und ayurvedisch. Henning sagt: »Aber wir sind Allesfresser, wie die Schweine.« Ich schließe ihn sofort in mein Herz.

Freiheit, Gleichheit, Einsamkeit
Ich gehöre zum Ortsverband Mitte-West. Meine erste Mitgliederversammlung findet im »Bürgerheim« statt, einem Wirtshaus auf der Schwanthaler Höhe. Da sitzen sie also, meine Genossen, mit denen ich das Superwahljahr bestreiten werde, unscheinbar, aber nicht unsympathisch. Trotzdem stellt sich wieder das Gefühl ein, dass man mir die Sorglosigkeit an den Augen ansieht, vielleicht schon an der Art, wie ich die Zwiebelringe auf meinem Teller zur Seite schiebe. Meinen Genossen scheint es ähnlich zu gehen: Den ganzen Abend über setzt sich niemand neben mich, der Stuhl bleibt frei, lieber quetschen sich alle auf die Eckbank und stehen alle zwei Minuten auf, wenn jemand aufs Klo muss. Sie ignorieren mich. Oder netter ausgedrückt: Sie lassen mich in Ruhe. Nur Henning erkundigt sich, ob ich mich eingelebt habe. Ich werde den Eindruck nicht los, dass ich diesen Menschen mag. Er ist interessiert, aufmerksam, aber nicht neugierig. Bei den anderen bin ich mir nicht sicher, ob sie mich verdächtig oder langweilig finden. Ich gehe davon aus, dass sie hinter meinem Rücken über mich reden. Nach zwei Stunden merke ich, dass ich eine Prada-Jeans anhabe, man kann hinten den Aufnäher sehen. Den Rest des Abends tue ich so, als würde ich mich am Hintern kratzen. Ich weiß, dass man auch ohne Geldsorgen links sein kann, aber wissen es auch meine Genossen?
Anzeige
»Reichtum für alle«
Wenn Obama von Abrüstung spricht, ist er ein Held, tut es Gysi, ist er naiv. Das mal vorneweg. Aber was fordert die LINKE noch? Nein zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr, Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes auf 500 Euro, Einführung von zehn Euro Mindestlohn, Nein zu Studiengebühren und Rente mit 67, Umverteilung von oben nach unten durch Millionärs-, Erbschafts- und Börsenumsatzsteuer. Gegen die letzten beiden Punkte habe ich was: Erstens bin ich Aktionär und zahle ohnehin 25 Prozent Abgeltungssteuer. Das reicht, finde ich. Zweitens werde ich erben, mein Vater hat gut verdient. Dafür hat er aber auch jede Woche achtzig und nicht 35 Stunden gearbeitet. Er hat es für seine Familie getan, für seine Frau, seine Kinder, damit sie keine Angst vor Altersarmut haben müssen, nicht für Frau Schmidt von nebenan. Mit dem Rest bin ich im Großen und Ganzen einverstanden. Eigentlich müsste jeder Mensch, der ein Herz im Leib hat, damit einverstanden sein. Keiner kann wollen, dass 20-jährige Soldaten in Kundus sterben oder ein Friseur am Wochenende zwölf Stunden Taxi fahren muss, damit er seine Freundin ins Kino einladen kann. Aber das Gute zu wollen ist einfach, es zu verwirklichen ist kompliziert. Und das traue ich der LINKEN nicht zu. Nicht, weil es zu viele Verrückte in ihr gibt, sondern zu wenige, die effizient und diplomatisch sind, die Bündnisse eingehen können und im Notfall regierungsfähig wären. Im Moment würde die LINKE im Bund mit keiner Partei koalieren, sie müsste also allein regieren können, das wird niemals eintreten, also ist das Programm – pragmatisch gesehen – sinnlos. »Reichtum für alle« steht auf einem Wahlplakat. »Reichtum besteuern« auf einem anderen. Also was jetzt? Dazu kommt, dass die LINKE genau nach den gleichen Prinzipien funktioniert wie die, gegen die sie kämpfen. Wer etwas anderes glaubt, ist naiv. Alle quatschen, wenige arbeiten. »Wir brauchen keinen Schutzschirm für die Banken, sondern für die Menschen.« Darin sind sich alle einig. Bei der »Schutzschirm-Aktion« vor der Hertie-Filiale aber, morgens um sieben, stehen drei Genossen in der Gegend herum. Es macht mich skeptisch, wenn sich sogar Linke von der Partei abwenden, weil sie das Programm für unrealistisch halten. André Brie, einer der größten Kritiker innerhalb der LINKEN, hat mal gesagt: »Viele Genossen kennen nicht den Unterschied zwischen Ideologie und Politik.« Ich ahne, was er meint. Der Sinn für das Machbare scheint einigen Leuten abzugehen, sie reden über Luhmann, wissen aber nicht, wie man sinnvoll einen Infostand betreut. Einmal habe ich einen Genossen sagen hören, dass alle Banken verstaatlicht werden müssen. Ein paar Wochen später fiel mir ein Flugblatt in die Hände, auf dem er dazu aufruft, ihm bei der Landtagswahl die Stimme zu geben. Bereits im ersten Satz fehlte ein Komma vor dem Relativsatz. Da denke ich doch: Wie soll mir einer was über das Wirtschaftssystem erzählen, der die Kommaregeln nicht kann?

»Von Flügelkämpfen verstehe ich nichts, ich bin doch kein Vogel«

Peter Sodann, ein Schauspieler aus dem Osten, der im Mai vergeblich versucht hat, der zehnte deutsche Bundespräsident zu werden, hat mal gesagt: »Josef Ackermann würde ich als Tatort-Kommissar gerne verhaften.« Ein andermal gestand er: »Von Flügelkämpfen verstehe ich nichts, ich bin doch kein Vogel.« Seine Chancen auf das Amt hat er sich durch diese Sprüche nicht vermasselt. Er hatte vorher schon keine. Trotzdem hielt er am politischen Aschermittwoch eine Rede in einem Wirtshaus in Ingolstadt. »Treffen sich zwei Planeten«, hob er an, »sagt der eine: Du siehst aber schlecht aus, was hast du? Sagt der andere: Ich habe Menschen. Sagt der Erste: Und was tust du dagegen? Sagt der andere: Nichts, ich glaube, die gehen von allein wieder.« Danach zitierte er vierzig Minuten lang Kant, Einstein, Goethe und Ghandi. Linke lieben kluge Sprüche, die nichts bringen, im Wahlprogramm wird sogar Jane Fonda zitiert, die es immerhin vom Sexobjekt zur Charakterdarstellerin gebracht hat. Am Ende erwähnt Sodann noch, dass er zwar für die LINKE zur Wahl antrete, ihre Ansichten aber nicht teile, was beide Seiten schon aushalten würden. Ein paar Tage danach verkündete er, seine Erlebnisse als Bundespräsidentschaftskandidat kabarettistisch aufarbeiten zu wollen. Ich frage mich, wie er noch komischer werden will.


Lesen Sie auf der nächsten Seite: Im Visier von Scharfschützen
wachsen der Linken Flügel.

Kommentare

Name:
Kommentar:

  • Heiko Annacker (0) Sehr geehrter Herr Haberl,

    Ihre entwaffnende Offenherzigkeit ist einfach nur köstlich. Zwei Beispiele gefällig:

    - Mein Vater hat mir diese Frage auch gestellt. »Du hast dich doch noch nie für was engagiert außer für dich selbst«, sagte er.

    - Ich erfuhr, dass er auch Journalist ist und früher bei der Frankfurter Rundschau, danach viele Jahre in Namibia als Entwicklungshelfer gearbeitet hat. Sein Spezialgebiet sind Auslands- und Friedenspolitik, der Nahe Osten, Israel und Palästina. Dafür reist er in den Gazastreifen, hält Kontakt zu palästinensischen und jüdischen Intellektuellen – ich habe zuletzt Boris Becker in einem Londoner Zigarren-Club interviewt.

    Da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

    Schönes Leben noch ...

    Heiko Annacker
  • Josef Seidel (1) Die Aussage, dass für die Rettung der HRE usw. das Geld ja auch dagewesen sei ist falsch und gefährlich. Es war eben nicht da, das Geld, das werden wir alle nach der Wahl noch merken. Wenn man gerade einen Kredit aufgenommen hat, um den Wiederaufbau des abgebrannten Hauses zu bezahlen wäre das sonst auch ein gutes Argument dafür, erstmal eine Weltreise zu machen, weil für das Haus das Geld ja auch da war. (Jaaa, ich weiß, dass viel Unsinn aus Steuergeldern finanziert wird - das ist zwar immer ärgerlich, aber keine wirklich entscheidende Größenordnung.)
  • Aquarius Jedermann (0) Nun ja, in erster Linie ein Artikel, über den man schmunzeln kann.

    Andererseits: Der Autor wird wohl kaum jemals in die Verlegenheit kommen, seine Ankündigung ("Wenn ich morgen meinen Job verliere, versuche ich, einen neuen zu finden, egal wo, egal was, ich käme nie auf die Idee, den Fehler im System zu suchen.") umsetzen zu müssen. Schließlich ist er gut situiert, etwas überheblich sowie gut ausgebildet und verfügt sicher auch über jede Menge nützliche Verbindungen.

    Tatsächlich sorgt aber der Staat auch für ihn, indem eben alles, was einen Staat ausmacht (öffentliche Einrichtungen, Rechtssystem usw.), auch für ihn bereitsteht. Das ist etwas, was die Apologeten des wirtschaftlichen Anarchismuses immer schnell vergessen machen möchten.

    Unterm Strich kommt dabei wohl heraus, dass auch die Menschen, die Parteimitlied bei der LINKEN sind, eben einen Teil der Gesellschaft repräsentativ abbilden. Genau so sind die Menschen eben, insbesondere diejenigen, die sich in Parteien und sonstigen Vereinen organisieren.

    Gefährlich sind diese Menschen einzeln nie, gefährlich können sie werden, wenn es nur noch eine Sorte gibt, die sich ständig selbst auf die Schultern klopft, ihre Weltsicht für die einzig mögliche halten und sich damit beschäftigen, alle anderen bis aufs Blut zu bekämpfen.

    Die LINKE ist zudem keine Kaderpartei, sondern einfach einen neue sozialdemokratische Bewegung, die den gleichen Irrtümern erliegen wird wie ihre Vorgänger (SPD, Grüne). Die Saat dafür ist bereits gestreut (Realisten versus Idealisten), was der Autor auch sogleich wortreich anmerkt.

    Das wäre schon eine gute Empfehlung an die ausführende Gewalt (Regierung und ihre Verfassungsschutzbehörde) doch Zeit und Geld zu sparen, da von diesen LINKEN keine Gefahr für das System droht. Denn letzteres besorgen schon die rabiaten neufeudalen Kräfte aus Banken, Versicherungen und ihre willigen Helfershelfer aus Parlamenten, Landesregierungen und Bundesregierung.
  • Frank Heinze (0) Sehr geehrter Herr Haberl,
    da fällt mir ein, das könnte für Sie noch von Interesse sein:
    In der Metropolregion Nue/Fü/Er hat sich ein "Bündnis Sozialticket"
    gegründet. Mit dabei sind die Kirchen, Sozialverbände, LINKE, Jusos, Gewerkschaft etc. :

    http://buendnis-sozialticket.de/erstunte...

    Auch da bewegt sich was! Wie lange kann die CSU dem widerstehen?

    MfG,
    Frank Heinze
  • Frank Heinze (0) Sehr geehrter Herr Haberl,

    vielen Dank für diesen tief humanistischen Artikel. Sie sind einer der wenigen Journalisten, die den Menschen in der LINKEN kennenlernen wollen.

    Wo sind wir gelandet, wenn die Verzweifelten und "Verrückten" diejenigen sind, die in der Öffentlichkeit die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung (ob jetzt raus aus Afghanistan, weg mit der Rente 67, weg mit Hartz4 etc.) artikulieren? Was sagt das über die sog. Volksparteien aus?

    Auch wenn die Ziele der Partei und die gesellschaftspolitischen Vorstellungen nicht die Ihren sind, unterschätzen Sie die Macht der Armen und Hoffnungslosen nicht. Wir in Erlangen haben z.B. trotz lediglich zwei von 50 Stadträten erreicht:
    -die Erstellung eines Armuts und Reichtumsberichtes wird endlich in Angriff genommen.
    - kostenlose Mittagessenversorgung bedürftiger Erlanger Kinder und Jugendliche.
    -Zusagen der Sparkasse: Es werden von der Sparkasse keine Kredite oder Hypotheken an "Finanzinvestoren" verkauft. Und Jede/r ErlangerIn hat Anspruch auf ein kostenloses Guthaben-Girokonto.
    -Auf Antrag der Erlanger Linken im Stadtrat wird eine Novellierung des bayerischen Sparkassengesetzes angestrebt mit dem Ziel, Arbeitnehmervertreter im Verwaltungsrat der bayerischen Sparkassen zur Mitbestimmung zu verhelfen.

    Unglaublich? Aber wahr! Warten Sie mal ab, welches Wahlergebnis die LINKE in Bayern und speziell in den Kommunen mit Gemeinderäten einfahren wird. Bedenken Sie, viele Leute können sich gar keine Zeitung leisten, die bekommen ihre Infos durch direkten Kontakt mit LINKEN.

    MfG,
    Frank Heinze
  • Persson Wals (0) Links, rechts, oben, unten... ich fürchte, dass die von dir beschriebene Schrebergartenvereinsmuffigkeit in allen Parteien gleich abläuft. Vermutlich muss man in der CSU eine Menge Bier trinken, in der CDU ein paar Rassistenwitze erzählen und bei den Grünen von seinem heiter-warmen Sonnengeflecht schwärmen.

    Nun könnten wir Prada tragenden Yuppies natürlich mit den Schultern zucken und uns darüber ordentlich einen ankichern. Apple ist eben einfach cooler als Angela oder Oskar. Ist so, nützt ja nichts.

    Leider klappt das für mich nicht. Zwei Gründe: Zum einen meine 95-jährige Oma, die mir - klein und runzelig wie Yoda - hautnah über zwei Weltkriege zu berichten weiß und dass sie niemals damit gerechnet hätte, wie klammheimlich sich der Faschismus anschleichen kann. Immer wieder.

    Zum anderen sind da Menschen wie Henning. Er mag ein hoffnungsloser Idealist sein, keine Ahnung. Aber zumindest ist er kein verkappter Zyniker wie du und ich und fast unsere ganze Generation. Henning erinnert mich ein wenig an James Nachtwey. Diese Leute verdienen eine Menge Respekt.

    Wir zwei verdienen nur viel Geld.
  • Domingos Schmidt (0) Die Linkspartei erinnert mich immer an den Eifer neubekehrter Christen, die Wiedergeborenen in den USA z. B.:
    http://www.oliveira-online.net/wordpress...
    Neben diesen neubekehrten Linken gibts noch die Opis, Steinzeit-Kommunisten, die die DDR alles in allem für eine gute Idee halten und Stalin für einen guten Staatsmann. Und natürlich gibts immer die engagierten Pragmatiker, die zwischen diesen beiden Fronten zerquetscht werden. Deshalb ist die Linkspartei für mich persönlich unwählbar. Die Linkspartei macht eine ähnliche Entwicklung durch wie die Grünen: bei den Grünen haben die Opportunisten und liberal-grünen gesiegt, bei der Linken - vorerst - die Steinzeitkommunisten und MÖchtegern-Keynesianer wie Lafontaine.
  • Gerhard Mühlhausen (1) Ob die anderen Linken auch nur zu Selbsterfahrungszwecken Parteiangehörige waren?