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Nummer Eins der Woche

Von Nataly Bleuel und Boris Herrmann

Nummer Eins der Woche  52 Kommentare

Nummer Eins der Enttäuschungen: Lana del Rey

Für Gemächliche und solche, die keine Hypes mitmachen.

Von Nataly Bleuel

Vielleicht ist der Hype schon wieder vorbei, dann weiter zum Nächsten. Aber noch ist Lana del Rey überall. Und man fragt sich: Warum nur?

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Die Tür geht auf und eine Frau kommt herein, sie sieht aus wie eine Mischung aus Rita Hayworth und Nancy Sinatra. Sie schlägt ihre beschwerten Lider lasziv nieder. Eben muss noch eine Träne über ihre Oberlippe gekullert sein. Die Lippe hat irgendwie einen Schlag abbekommen, es ist ein aufgeblähtes, markantes Markenzeichen. Und dann singt sie. Sie hat eine sehr eigenwillige und verheißungsvolle Stimme: zwischen Delirium, Depression und Nachtigall. Die Lieder hören sich an, als hätte ein Verhaltensforscher alles in einen Text geschmissen, mit dem man sämtliche Schwellkörper dieser Erde zum Pulsieren bringen kann. Die Texte sagen: Ich bin deine Lolita, nimm’ mich hart ran, sonst muss ich noch mehr Valium einschmeißen und dann huch! Es ist ein mega-reaktionäres Frauenbild. Mit aggressiv passivem Sex. Die Stimme sagt: Ich kann noch mehr, ich könnte auch gefährlich werden. Es ist kein austauschbares Gepiepse. Das ist das Besondere an ihr.

 

Die Fakten sind so: Im Sommer stellt eine junge Frau aus New York zwei selbst gebastelte Songs auf Youtube. Millionen Menschen finden die gut. Die natürliche Lizzy Grant als All-American-Girl mit Jeans, Shirt und Medium-Size-Lippe kam nicht so gut an. Es wird eine Verheißung, die man nicht mehr als Hype bezeichnen kann. Sondern eine Art hysterischer Feuersturm auf allen Kanälen, bis hin zum heute journal. Offenbar sehnen wir uns nach dem Biedermeier der 50er und der Verruchtheit einer Frau, die gepflegte Klasse hat, ondulierte Haare, bestimmt ein Geheimnis und ganz viel laszive Leidensbereitschaft. Also wird “Lana del Rey” aus Traumschaum geboren wie eine Retro-Aphrodite: Cuba, Cadillac, Cocktails, alles in Mint mit Lollipop.

 

Dann hat die Plattenfirma Universal ein Album veröffentlicht. Und Lana del Rey hatte ein paar Auftritte. Jetzt sind ist Desillusionierung groß. Und die Reaktionen oft so persönlich wie die von enttäuschten Liebhabern. Schon lässt Lana del Rey verlauten, sie wolle kein Album mehr machen.

 

Was ist passiert?

 

Musikalisch: Das Album ist daneben. Weil es diese eigenwillige Stimme in einer Suppe aus, in diesem Fall atmosphärisch unpassenden, zeitgenössischen Mainstream-Klängen, ertränkt. Und ihr so fast jeden Zauber austreibt. Weil man sie für die breite Masse zähmen wollte? Offenbar fehlt es der Sängerin an künstlerischem (Selbst-)Bewusstsein, das etwa eine Amy Winehouse musikalischen Kompromissen gegenüber widerständiger gemacht hat.

 

Darstellerisch: Lana del Rey fehlt die Klasse, die sie verheißt. Zumindest live. Jemand, der sich auf einen Thron zwischen lebendigen Tigern präsentiert wie eine Diva, sollte sich aufrecht elegant und souverän bewegen. Lana del Rey wirkt so unsicher und ungelenk, dass man sich seiner eigenen Erwartungen zu schämen beginnt. Es ist, als hätte sich ein kicherndes Mädchen in die Pose einer Diva geworfen.

 

Technisch: Diese Frau funktioniert nicht als Ikone. Der Pop spielt mit Bildern. Madonna hat den weiblichen Rollenwechsel perfektioniert. Sie gab die Femme Fatale, die man in ihr sehen wollte. Da war nichts echt oder natürlich. Und dieses selbstbewusste Spiel mit Erwartungen, vor allem mit den männlichen, an ein Frauenbild, hat ihr eine subversive Macht verliehen. Sie war das handelnde Subjekt, sie hatte ihr Image in der Hand. Deswegen war Madonna sogar für Feministinnen vorbildlich. So wie Lady Gaga es heute für manche ist. Schade ist, dass die beiden so wenig Stimme haben. Eine Frau mit einer Stimme tut nicht nur der Musik gut. Sondern auch dem Selbstbewusstsein. Eine Frau mit Klasse wahrt ein Geheimnis. Ein Souverän will nicht für seine Natürlichkeit geliebt werden. Lana del Rey hätte bewusst die Lana-Lita mit dicker Lippe riskieren können und bewusst Erwartungen enttäuschen können. Das war die Verheißung. Jetzt ist da Desillusionierung – und die Aufregung groß.

 

Muss man das der Künstlerin, die mal als Lana del Rey bekannt gewesen sein wird, anlasten? Sie mit Spott und Schmähungen überziehen; im Netz auch bekannt als „Shitstorms“? Oder doch eher die beschuldigen, die sich mit Images, Hypes und Musik auskennen sollten: Plattenfirma, Management? Oder muss man das unserer eigenen Bereitschaft zurückführen, uns auf einen Hype einzulassen? Der auf reaktionären Prämissen beruht?

 

Vielleicht ist Lana del Rey ein Beispiel dafür, dass Netzphänomene nicht einfach in die Welt außerhalb zu übertragen sind? Möglicherweise waren die beiden Videos auf Youtube das einzig angemessene Medium, um die Message von Lana del Rey zu vermitteln: Bisschen dünn vom Image her. Aber singen kann sie. Bei Rita Hayworth war es umgekehrt. Sie hatte Klasse, aber keine Stimme. In echt hieß sie Margarita Carmen Cansino. Und ihr Gesang wurde für den Film von Sängerinnen nachsynchronisiert.

Kommentare

  • Elli

    Durch Zufall bin ich auf diesen 2012 geschriebenen Artikel gestoßen und musste doch sehr lachen.
    Miss Lana del Rey hat mittlerweile wieder ein neues Album am Start und ist wohl doch kein “ond-hitwonder” wie hier deklariert, geblieben. Ganz abzusehen von diversen Soundtracks in hochkarätigen Filmen wie “The Great Gatsby”, “Maleficent” …
    Ich hoffe die Autorin die diesen katastrophalen Text verfasst hat, ist nun ein wenig peinlich berührt … So falsch kann man liegen ;)

  • Horst

    @Elli
    Sicherlich haben sich die Autoren zum Teil getäuscht, doch sie haben Recht wenn sie meinen, dass Lana del Rey einfach nur schlecht und nervig ist.